Zur Lage der Zunft – Das HLF als Stimmungsbarometer für die nächste(n) Generation(en)


Fast 40 LaureatInnen, 200 ausgewählte JungwissenschaftlerInnen, mediale Aufmerksamkeit aus dem In- und Ausland - das Heidelberg Laureate Forum 2013 beeindruckt bereits vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung mit vielversprechenden Zahlen und Statistiken. Doch abgesehen von der Schaffung eines Ortes der Begegnung und des Austauschs zwischen FachkollegInnen, sowie einer Gelegenheit, aktuelle Wissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und (hoffentlich auch) schmackhaft zu machen, bietet das HLF sowohl TeilnehmerInnen, als auch BeobachterInnen, eine Gelegenheit, einen tiefen Blick in das Herz und die Seele der Disziplinen Mathematik und Informatik zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu werfen.

Eine derartige Bestandsaufnahme beschränkt sich hierbei nicht ausschließlich auf quantifizierbare und dokumentierbare Leistungen und Biographien von PreisträgerInnen und ForumsteilnehmerInnen. Vielmehr geht es dabei auch und gerade um die nicht eindeutig in Papierform nachvollziehbaren Elemente und Insignien innerhalb einer Wissenschaftsgemeinschaft: Welche Charaktere und Persönlichkeitstypen sind vertreten? Welche Sozialdynamik entwickelt sich? Wie gestaltet sich der Umgangston und das Miteinander? Welche Eigenschaften und Charakteristiken kristallisieren sich als Fundament von Austausch und Interaktion heraus? Was sind die gemeinsamen Werte und Visionen?

Es ist trivial, festzustellen, dass eine Fachdisziplin immer von den jeweiligen WissenschaftlerInnen getragen wird, welche in jenem Fachgebiet aktiv sind. Wissenschaft ist eine interaktionsbasierte Praxis mit eigenen Spielregeln und Konventionen, gestaltet von eben den beteiligten Akteuren. Diese interaktive Komponente ist in meinen Augen gerade in den "Strukturwissenschaften" Informatik und Mathematik von besonderer Bedeutung:

Zwar werden spezifische Theoreme und Beweise häufig von Einzelpersonen (oder allenfalls im Austausch innerhalb einer kleinen Gruppe von Kooperationspartnern) erdacht, jedoch spielt die Wissenschaftsgemeinschaft in ausnahmslos allen Fällen früher oder später mindestens zwei wichtige Rollen.

  • Zum einen muss selbst ein wasserdichter Beweis von der Community als solcher akzeptiert werden, und
  • zum anderen ist es gerade die wissenschaftliche Gemeinschaft, welche durch gemeinschaftliche Anstrengungen einen Kontext für die Arbeiten einzelner ForscherInnen oder Forschergruppen erschafft und zur Verfügung stellt.

Jedoch zeichnen sich soziale Gruppen in der Regel eben nicht nur durch wohldokumentierte und jederzeit extern in Form von Denkschriften, Manifesten oder anderweitig zugänglichen Publikationen festgehaltenen objektiven Charakteristiken aus, sondern leben von und im Moment.

Was nun wiederum das Heidelberg Laureate Forum zusätzlich interessant macht, bietet es doch eine Möglichkeit, einen Eindruck von den aktuell gültigen Sozialkonventionen und -perspektiven zu bekommen. Quasi eine Art sozialer Testballon für die Strukturwissenschaften des 21. Jahrhunderts - und ich denke hierbei nicht (oder doch nicht nur) an die Frage wie smart oder wie casual das "smart casual" bei der Eröffnungszeremonie ausgelegt wird.

Vielmehr geht es mir darum, wie sich der Umgang zwischen PreisträgerInnen und TeilnehmerInnen, und gerade auch das Miteinander innerhalb der Gruppe der NachwuchswissenschaftlerInnen, gestaltet. Wer sind die Personen, welche die Nachwuchsgenerationen der Akteure in der Mathematik und in der Informatik des 21. Jahrhunderts bilden? Wie agieren sie gemeinsam, welches Zusammenspiel entwickelt sich zwischen ihnen? Auf welcher zwischenmenschlichen Grundlagen kann die soziale Praxis Wissenschaft in den Strukturwissenschaften in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weitergeführt und ausgebaut werden? Und wer (sowie: wie) sind die Menschen, welche vielleicht einmal selbst eine Fields Medal oder einen Turing Award in Händen halten werden? Ich freue mich, in wenigen Tagen erste Antworten auf diese Fragen zu erhalten!

Leave a Reply


six + = 7